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24. Juli 2019

Interview | Perspektive Physiotherapie: unser Beruf – unsere Zukunft

Interview | Perspektive Physiotherapie: unser Beruf – unsere Zukunft
Johannes (30), Sophia (22) und Florian (22) sind angegehende Physiotherapeuten an der Berufsfachschule Bad Birnbach und nehmen im Interview Stellung.Foto: VPT Berufsfachschule Bad Birnbach/privat

Die Berufsfachschüler von heute sind die Physiotherapeuten von morgen. Was bewegt den Nachwuchs, was begeistert ihn an unserem Beruf und wo soll für die angehenden Therapeuten nach der Ausbildung die berufliche Reise hingehen? Das VPTMAGAZIN hat mit Johannes, Sophia und Florian über ihre Ausbildung an der Berufsfachschule Bad Birnbach und über ihre Zukunftspläne gesprochen.

Der Fachkräftemangel in physiotherapeutischen Berufen gefährdet eine flächendeckende Patientenversorgung. Zum Glück gibt es trotzdem junge Menschen, die sich für eine Ausbildung zu Physiotherapeuten begeistern. Drei von ihnen sagen, warum das so ist und wie es nun für sie weitergeht.

Wie seid ihr auf euren Berufswunsch Physiotherapeut gekommen?

Florian: Ich bin durch eine Freundin, die mit mir Abitur gemacht hat, auf die Idee gekommen. Sie hat die Physio-Ausbildung angefangen und ich habe zeitgleich ein Studium in angewandten Bewegungswissenschaften angefangen. Nach einer Zeit habe ich gemerkt, dass das nichts für mich ist. Dann hat sie mir von ihrer Physio-Ausbildung erzählt und ich habe gemerkt, dass das genau das ist, was ich später machen will. Dann habe ich umgeschwenkt und bin sehr zufrieden damit.

Sophia: Bei mir ist die Physioschule nur eine Zwischenstation. Ich habe seit dem Abitur den Wunsch, Medizin zu studieren. Ich benutze jetzt die Ausbildung quasi als Vorstufe, damit ich dann bessere Chancen auf einen Medizin-Studienplatz habe. Physiotherapie geht am besten in die Richtung, in die ich später will.

Johannes: Ich habe schon einen gelernten Beruf, bin eigentlich Schreiner und schule jetzt um, weil ich inzwischen einen Fitnesstrainerkurs gemacht und immer mehr in diese Richtung geschnuppert habe. Meine Mutter hat selbst eine Physiopraxis. Dadurch habe ich einen Einblick und es hat mich immer mehr in die Richtung gezogen. Mittlerweile bin ich selbst mitten in der Ausbildung und bin sehr zufrieden, weil es mir wirklich sehr gut gefällt.

Wie sieht eure Ausbildung aus – Theorie-Praxis-Anzeil, Schulungsorte, Zeitraum?

Florian: Die Ausbildung dauert drei Jahre. Im ersten Jahr haben wir hauptsächlich Theorie, sind also die meiste Zeit in der Schule. Im zweiten Jahr fangen die Praktika an und der Theorie-Praxis-Anteil ist etwa 50:50. Wir arbeiten dabei eine festgelegte Stundenzahl in allen Fachrichtungen der Kliniken, die mit unserer Schule kooperieren. Die Einrichtungen können wir uns aussuchen. Im dritten Jahr hat man hauptsächlich Praktika und in den letzten Monaten vor dem Examen ist man noch mal in der Schule, um sich auf die Prüfung vorzubereiten. Zurzeit sind wir im zweiten Ausbildungsjahr.

Was sind für euch die wichtigsten Elemente der Ausbildung?

Sophia: Im ersten Jahr ist die komplette Anatomie das Anspruchsvollste. Am Ende des ersten Jahres hat man ein sehr gutes Grundwissen, das in den folgenden zwei Jahren noch vertieft wird. Im zweiten Jahr kommt die Kommunikationskomponente dazu, z.B.: Wie gehe ich mit meinen Patienten um, wie erkläre ich ihnen wichtige Dinge, wie gestalte ich meine Behandlung?

Johannes: In der Schule lernt man die Techniken, aber um zu wissen, was man am Patienten machen kann, ist die Praxis unverzichtbar. Wenn man z.B. eine manuelle Technik anwendet, braucht man beim einen Patienten stärkeren Druck als beim anderen. Das ist Erfahrungssache und mit der Zeit wird man immer besser. Deshalb finde ich den Praxisanteil sehr wichtig.

Und was macht am meisten Spaß?

Florian: Mir hat PNF am meisten Spaß gemacht.

Sophia: Für mich ist es das Schönste, wenn ich im Praktikum merke, was ich bei einem Patienten erreichen kann. Und welche Wertschätzung ich dafür vom Patienten erfahre. Die bekomme ich zwar anfangs auch durch die Noten, aber im Endeffekt haben sie für meine praktische Arbeit nicht diesen Stellenwert. Es ist toll, wie viel wir mit dem, was wir in eineinhalb Jahren gelernt haben, beim Patienten erreichen.

Johannes: Mir gefallen am besten orthopädische Behandlungen, bei denen man mit Patienten aktiv etwas machen kann.

Was kommt euch in der Ausbildung zu kurz und worüber würdet ihr gern mehr lernen?

Sophia: Wir lernen in der Schule eine riesen Menge an Krankheitsbildern. Es ist bei den Praktika unmöglich, dass man alle auch im klinischen Alltag antrifft. Da kann man aber keinem einen Vorwurf machen, wenn Patienten mit diesem oder jenem Krankheitsbild dann gerade nicht da sind. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass es vieles gibt, was man im Berufsalltag das erste Mal erleben wird. Dann muss man sich einfach überlegen, wie das noch mal war, was man in der Ausbildung gelernt hat - und sich auch noch mal besser darüber informieren.

Lebenslanges lernen also sozusagen. Apropos: Inzwischen kann man den Beruf ja studieren. Was sagt ihr zur Akademisierung?

Florian: Ich stelle mir vor, dass im Studium der praktische Anteil relativ gering sein könnte. Manuelle Therapie, bei der man lernen muss, ein Gespür in den Fingern zu bekommen, kann man - glaube ich - in Vorlesungen nicht wirklich lernen. Für mich war es im ersten Jahr schon komisch, so viele fremde Leute am Knie oder an der Hüfte anzufassen. Man verliert mit zunehmender Praxis die Hemmungen. Heute ist das ganz selbstverständlich.

Sophia: Wir sind keine 100 Studierenden, sondern 24 Schüler, wir duzen unsere Lehrer, jeder traut sich, Fragen zu stellen. Ich glaube, wenn die Ausbildung auf akademisches Niveau gehoben wird, ändert sich das.

Johannes: Der Vorteil ist aber, dass man nach dem Studium einen Bachelor hat, mit dem man überall arbeiten kann. Das finde ich bei der Ausbildung in Deutschland im Moment ein bisschen schade, dass man damit wirklich nur in Deutschland praktizieren darf.

Inwieweit vernetzt ihr euch mit anderen Therapeuten und angrenzenden Berufsgruppen?

Sophia: Im Klinikalltag funktioniert die Vernetzung gut – sowohl unter den Physiotherapeuten als auch mit Ärzten, Schwestern, Logopäden und Ergotherapeuten. In vielen Krankenhäusern gibt es wöchentlich Teamsitzungen, bei denen alle Patienten mit dem kompletten Personal besprochen werden, das für eine erfolgreiche Therapie verantwortlich ist. Von der Schule her haben wir eher Kontakt mit Ärzten, die bei uns Unterricht halten. Andere Berufsgruppen lernen wir eigentlich erst im Praktikum kennen.

Johannes: Es wäre gut für den Klinikalltag, wenn wir besser lernen würden, wie sich die einzelnen Berufsgruppen voneinander abgrenzen und wo es Überschneidungen mit unserer Arbeit gibt.

Was müsste sich ändern, um mehr junge Menschen für den Beruf zu begeistern?

Florian: Dass die Löhne etwas steigen, dass das Schulgeld abgeschafft wird und dass die Fahrtkostenerstattung zur Schule vereinfacht wird.

Sophia: Die Schulen sind sehr weit verstreut, vielleicht bräuchte man mehr davon. Wenn ein Realschüler mit 16 für die Ausbildung in eine eigene Wohnung ziehen muss, weil die Schule zu weit entfernt ist vom Elternhaus - das muss man erst mal schaffen!

Johannes: Ich kenne einige, die einen 450-Euro-Job haben, um sich die Fahrt hierher leisten und das Schulgeld zahlen zu können.

Der VPT und die anderen Berufsverbände verhandeln mit den Kassen und der Politik, um bessere Bedingungen für Therapeuten zu erzielen. Wie bewertet ihr dieses Engagement?

Sophia: Auf jeden Fall positiv! Es wird auch bei uns an der Schule viel von den Lehrern weitergegeben. Bei uns sind schon Vorschläge gesammelt worden, was wir uns wünschen würden, die dann in die Verhandlungen mitgenommen wurden. Wir finden es gut, dass wir da integriert werden. Denn was bei den Verhandlungen heraus kommt, betrifft uns ja in eineinhalb Jahren.

Was sind eure Ziele nach der Ausbildung?

Johannes: Ich möchte erst mal arbeiten, Erfahrungen sammeln und verschiedene Fachrichtungen anschauen. Meine Mutter hat ja eine Physiopraxis, eventuell steige ich da mit ein – das wäre langfris-tig der Plan.

Florian: Ich will natürlich erst mal die Ausbildung schaffen. Dann stehen Zusatzfortbildungen an wie Lymphdrainage – schade, dass sie nicht in die Ausbildung integriert sind. Auch ich will erst mal arbeiten. In der Ausbildung hatte ich bis jetzt am meisten Spaß bei Neurologie. Ich könnte mir vorstellen, einen PNF-Kurs zu machen und dann in Richtung Neurologie zu gehen.

Sophia: Ich werde mich nach der Ausbildung um einen Medizinstudienplatz bewerben, kann mir aber auch vorstellen noch ein oder zwei Jahre als Physiotherapeutin zu arbeiten. Ich würde dann eher in einer Rehaeinrichtung oder einer Praxis arbeiten, nicht wie im Praktikum in einer Akutklinik, um auch dort Erfahrungen zu sammeln im Umgang mit den Patienten. Ich glaube, das kommt im Medizinstudium ein bisschen zu kurz.

Habt vielen Dank und alles Gute für euch!

 

 

 

 

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